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Warum lohnt sich Deutschland?

September 07, 2011 Von: k.obergehrer Kategorie: In Deutschland leben 2 Kommentare →

Herrlich! Ich schaue aus dem Fenster, die Sonne scheint, alles grünt und blüht. Um mich herum nette Kollegen, die offen und direkt mit mir kommunizieren…  Im Hintergrund ein Sozialsystem, das mich absichert. In meiner Freizeit bin ich innerhalb kürzester Zeit in den Bergen oder am Meer. Besser kann´s doch eigentlich gar nicht sein, oder?

Trotzdem lese ich gerade zum wiederholten Male in der Presse,  dass qualifizierte Fach- und Führungskräfte aus dem Ausland Deutschland nicht als erste Wahl sehen, wenn es darum geht, die berufliche Karriere in einem anderen Land fortzuführen. Ich bin verwundert…. Zugegeben – eventuell bin ich da nicht ganz objektiv. Also versuche ich mal, ganz sachlich die Dinge die Deutschland als Land für Arbeit und Leben attraktiv machen zusammenzutragen.

Da wäre z.B. das oben bereits erwähnte soziale Sicherungssystem. Wer krank wird, bekommt vom Arbeitgeber 6 Wochen lang sein Gehalt weiter gezahlt, anschließend greift die Krankenversicherung mit 70% des vorherigen Gehalts unter die Arme. Wer seine Arbeit unverschuldet verliert, in den letzten zwei Jahren mindestens zwölf Monate bestätigt berufstätig war und EU-Bürger ist, bekommt maximal zwei Jahre lang 60 Prozent seines vorherigen Einkommens als Arbeitslosengeld ausbezahlt.

Das Arbeitsrecht ist hierzulande sehr Arbeitnehmerfreundlich. Nach Ablauf der 6-monatigen Probezeit hat eine Kündigung durch den Arbeitgeber bei einem unbefristeten Arbeitsvertrag nur bei schweren Fehlverhalten sowie aus betriebsbedingten Gründen Aussicht auf Erfolg.

Der Urlaubsanspruch ist in Deutschland mit 24 Tagen gesetzlich verankert. Viele Arbeitsverträge garantieren einen noch höheren Urlaubsanspruch. Das Gehalt wird in vollem Umfang weitergezahlt.

Deutschland ist in vielen Bereichen Technologie- und Marktführer. Wer also bei der Automobiltechnik, dem Maschinenbau, der Chemiebranche oder den erneuerbaren Energien ganz vorne mitmischen will, der ist hier richtig.

Soweit so gut. Jetzt aber zu den WIRKLICH wichtigen Dingen. Nuri Sahin, türkischstämmiger Profifußballer, der zur aktuellen Saison von Borussia Dortmund zu Real Madrid gewechselt ist, hat sie kürzlich recht treffend formuliert. Auf die Frage, was er wohl an Deutschland am meisten vermissen werde, hat er geantwortet: „…..viele typisch deutsche Sachen: die großen Straßen, die Ordnung hier und natürlich auch die Menschen.“

Die großen Straßen! Ich interpretiere frei, dass er damit sicher auch die Vorliebe der Deutschen für schöne (deutsche) Autos und vor allem das nicht vorhandene Speed-Limit auf den großen Straßen, also den Autobahnen, gemeint hat. Wo sonst findet man derartige Freiheiten?

Hohe Freiheitsgrade sind ansonsten allerdings nicht unbedingt typisch deutsch. In Deutschland gibt es für die meisten Dinge klare Regeln und Strukturen. An deren Einhaltung sind wir gewöhnt, das gibt uns Orientierung. Damit einhergehend, vielleicht auch dadurch begünstigt, halten wir uns für sehr verlässlich und pflichtbewusst. Getroffene Vereinbarungen werden eingehalten und Versprochenes umgesetzt.

Sehr schön fand ich jüngst folgendes Zitat unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Thema Zuwanderung ausländischer Fachkräfte: „Wir müssen hierbei auch als Land attraktiv erscheinen. Es ist darauf hingewiesen worden, dass wir das in der Vergangenheit nicht immer waren und dass nicht die ganze Welt darauf wartet, endlich bei uns erwerbstätig werden zu können, sondern dass wir auch einladend sein müssen.“ Ich nehme an, es werden hierzu in Kürze klare Regeln und Strukturen geschaffen, die uns dann noch einladender machen werden. Und dazu bestimmt ein mindestens 8-seitiges neues Formular mit 10-seitiger Ausfüllhilfe….

Aber die deutsche Verlässlichkeit und die Einhaltung von Zusagen machen die Zusammenarbeit durchaus angenehm. Außerdem ist den Deutschen eine bestechende Direktheit zu eigen. Feedback wird hierzulande gerne etwas deutlicher gegeben als das anderswo üblich ist. Und wenn wir etwas, was ein anderer gesagt hat, als falsch empfinden, sagen wir eher „Das ist falsch!“ als „Ich glaube nicht, dass Sie da richtig liegen.“ Wir sagen was wir meinen und meinen was wir sagen. Das spart jede Menge Zeit!

Zeit brauchen wir nämlich für etwas anderes: für unsere berühmte deutsche Gemütlichkeit. Rein gar nichts hat diese Gemütlichkeit mit den bekannten Volksfesten, wie dem Oktoberfest, zu tun. Diese haben sich inzwischen zum glatten Gegenteil der Gemütlichkeit entwickelt. Was also ist dann diese „Gemütlichkeit“? Im Englischen kann man den deutschen Begriff angeblich mit „atmosphere of comfort, peace and acceptance“ umschreiben. Schaut man im Duden nach, dann findet man Synonyme wie Behaglichkeit, Heimeligkeit, Traulichkeit, Trautheit, Lauschigkeit. Meist kommen auch reichlich gutes Essen und ein würziges Bier ins Spiel, wenn es bei uns in Deutschland gemütlich wird. Doch am wichtigsten ist dabei das Zusammensein mit guten Freunden – am liebsten aus aller Herren Länder.